Rudolf Meraner: Auf die Lehrperson kommt es an, oder?

John Hattie hat nachgelegt: Der neuseeländische Pädagoge wendet sich in seinem zweiten Band „Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen“ direkt an die Lehrerinnen und Lehrer und entwirft eine Theorie wirksamen Lehrerhandelns.

Dieser Gastbeitrag von Rudolf Meraner ist die Fortsetzung einer Artikelserie zur Hattie-Studie. Zuerst erschienen in der Zeitschrift INFO. Informationsschrift für Kindergarten und Schule in Südtirol.

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Hattie beschreibt in seinem jüngsten Band „Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen“, was bei einer Unterrichtsstunde zu beachten ist, damit sie tatsächlich zu Lernen führt: die Planung der Unterrichtsstunde, der Beginn, das Lernen während der Unterrichtsstunde, der Platz des Feedbacks und der Abschluss der Unterrichtsstunde. Hattie hat dafür weitere Meta-Studien zusätzlich zu den über 800 und den 138 Einflussfaktoren ausgewertet, die er bereits im ersten Band beschrieben hatte. Seine Erkenntnisse verändern aber die grundsätzlichen Aussagen des ersten Bandes nicht (siehe Seiten der Wissenschaft in INFO Dezember-Jänner 2013/2014, INFO Februar und INFO März 2014).

Das Buch von Hattie unterscheidet sich von vielen anderen Büchern zur Gestaltung von Unterricht dadurch, dass er seine Aussagen mit den Forschungsergebnissen zur Wirksamkeit untermauert. Aus den vielen detailreichen Argumentationen Hatties habe ich zwei Grundbotschaften ausgewählt und erläutere diese:
1. Das Lernen sichtbar machen.
2. Erkenne deinen Einfluss!

Anreize schaffen hohe Lernziele

„Das Lernen wird sichtbar gemacht, wenn Lehrende das Lernen mit den Augen der Lernenden betrachten, wenn sie sich immer wieder fragen, welchen Effekt sie auf das Lernen der Schülerinnen und Schüler haben“, wenn sie „zu Evaluatorinnen und Evaluatoren ihrer Wirkungen auf Lernende“ werden, schreibt Hattie in seinem neuen Buch. Er betont aber auch, dass es wichtig ist, dass die Lernenden zu ihren eigenen Lehrenden werden und sich fragen, wie ihr Lernen funktioniert. Damit zusammenhängend geht er ausdrücklich auf ein großes Missverständnis ein, das es in der Rezeption des ersten Bandes gegeben hat: „Was ich nicht sage, ist, dass es auf die Lehrperson ankommt … Worauf es tatsächlich ankommt, ist, dass Lehrpersonen über eine Geisteshaltung verfügen, ihre Wirkung auf das Lernen zu evaluieren.“

Das Feedback ist ein Schlüssel dazu, das Lernen sichtbar zu machen. Aber auch hier betont er die beiden Seiten: Lehrende geben Feedback an die Lernenden, damit diese ihr Lernen besser erkennen können, Sie fordern aber auch Feedback von den Lernenden ein, damit sie die Wirkungen ihres Lehrens erkennen können. Hattie weist immer wieder darauf hin, wie wichtig es ist, dass sich Lehrpersonen darüber klar werden, was in der Unterrichtsstunde oder Unterrichtssequenz gelernt werden soll und dass sie diese Ziele den Schülern und Schülerinnen klar darlegen. Die Schüler und Schülerinnen müssen die Lernintentionen verstehen und sich bewusst sein, wie der Erfolg ihres Lernens aussieht.

Ein Problem sieht Hattie darin, dass vielfach die Ziele zu niedrig angesetzt sind – zahlreiche Studien beweisen dies. Deshalb betont er immer wieder, dass Herausforderungen für die Schülerinnen und Schüler geschaffen werden müssen und diese zu den stärksten Prädiktoren für Interesse und Engagement bei den Schülern und Schülerinnen zählen (S. 39, 58 u. a.). Herausforderungen schaffen heißt für Hattie auch, ein Gleichgewicht zwischen Lernen auf der Oberflächenebene (erkennen, wissen, darstellen können, beschreiben) und Tiefenebene (definieren können, verstehen, erklären können, vergleichen können, Muster erkennen, Generalisierungen vornehmen) herzustellen.

Um das richtige Maß an Herausforderung zu finden, ist wiederum das Feedback von den Schülern und Schülerinnen gefragt.

Lehrerhandeln aus dem Blickwinkel der Lernenden

Das Lehrerhandeln steht nicht für sich – das ist der Grundgedanke, der sich durch das gesamte Werk von Hattie zieht. Es muss immer geschaut werden, was es bei den Schülerinnen und Schülern auslöst. Es geht nicht darum, sich zu fragen, ob der Unterricht gut war, sondern was der Unterricht bei den Schülern und Schülerinnen bewirkt
hat, wie er ihr Lernen befördert hat. Hattie hat viele Unterrichtsbeobachtungen nach Hospitationen, Videoanalysen von Unterricht analysiert und dabei festgestellt, dass der Fokus immer auf den Unterricht, also auf das Handeln der Lehrer und Lehrerinnen gelegt wurde. Viel wichtiger sei es jedoch, einige Schülerinnen und Schüler zu beobachten und zu sehen, wie sie die Inputs der Lehrer und Lehrerinnen aufnehmen und was zu Lernen ihrerseits führt. Denn wenn Lehrpersonen ihren Unterricht verbessern wollen, müssen sie ihr Handeln mit den Augen der Schüler und Schülerinnen sehen. Seine Fragen lauten deshalb:

  • „Hat die Unterrichtstunde die Schülerinnen und Schüler ‚eingeladen‘ teilzunehmen, sich zu engagieren und voranzuschreiten?
  • Gab es ausreichende Startpunkte angesichts der verschiedenen Phasen in Bezug auf das vorausgehende Leistungsniveau und das vorherige Lernen der Schülerinnen und Schüler?
  • Gab es unbeabsichtigte Folgen ihres Unterrichtens?
  • Wie viele Schülerinnen und Schüler haben die Erfolgskriterien erreicht?
  • Und bei denen, die es nicht geschafft haben, was ist nun erforderlich, um sie zu unterstützen, damit sie die Kriterien erreichen?“ (S. 165)

Lehrer und Lehrerinnen müssen sich die Wirkungen ihrer Handlungen anschauen. Die Wirkungen sind ihr Einfluss!

Acht Geisteshaltungen für wirksames Lernen

Wie kaum anders zu erwarten, betont Hattie am Ende des Buches noch einmal, dass nicht alle Lehrerinnen und Lehrer gleich wirksam und erfolgreich sind. Er fragt sich, bei welchen Grundhaltungen von Lehrerinnen und Lehrern die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass sie wesentliche Einflüsse auf das Lernen der Schülerinnen und Schüler haben. „Es ist ein Set von Geisteshaltungen … es sind folgende Überzeugungen: dass wir Evaluatoren, Change-Agents, adaptive Lernexperten, Menschen, die Feedback über ihre Wirkungen fordern, sind; dass wir am Dialog und an der Herausforderung teilnehmen; dass wir Vertrauen zu allen entwickeln; dass wir in Fehlern Chancen sehen, dass wir begierig darauf sind, die Botschaft der Kraft, des Spaßes und des Einflusses, die wir auf das Lernen haben, zu verbreiten.“ (S. 183)

Dies fasst er in acht Geisteshaltungen (S. 183–190, s. Video) zusammen:

  1. Lehrpersonen/Schulleitende sind überzeugt, dass ihre fundamentale Aufgabe darin besteht, ihr Lehren und das Lernen und die Lernleistung der Schülerinnen und Schüler wirkungsorientiert zu evaluieren.
  2. Lehrpersonen/Schulleitende sind überzeugt, dass Erfolg und Scheitern beim Lernen von Schülerinnen und Schülern davon abhängt, was sie als Lehrpersonen oder Schulleitende taten oder unterlassen haben … Wir sind die Change-Agents!
  3. Lehrpersonen/Schulleitende wollen mehr über das Lernen als das über das Lehren reden.
  4. Lehrpersonen/Schulleitende fassen Beurteilungen von Schülerleistungen als Feedback zu ihrem Einfluss auf.
  5. Lehrpersonen/Schulleitende investieren in den Dialog, nicht in den Monolog.
  6. Lehrpersonen/Schulleitende genießen die Herausforderung und ziehen sich nie darauf zurück, lediglich ‚das Beste zu geben‘.
  7. Lehrpersonen/Schulleitende sind überzeugt, dass es zu ihrer Rolle gehört, positive Beziehungen in den Klassen/im Lehrerzimmer zu entwickeln.
  8. Lehrpersonen/Schulleitende informieren alle über die Sprache des Lernens.

Dass dies eine große Herausforderung ist, dessen ist sich Hattie bewusst. Deshalb schließt er mit „Du kannst das schaffen … Du kannst das verfolgen … Du kannst das umsetzen … Du kannst. Kenne deinen Einfluss!“ (S. 195). Damit schließt er den Kreis zum Vorwort, in dem er betont, dass das Buch auf Forschungsergebnissen basiert und damit auf den Erfahrungen vieler realer Lehrpersonen – und dass es viele Lehrpersonen gibt, die bereits so denken. (S. XVI).

Über den Autor

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Dr. Rudolf Meraner leitet seit 1994 das Pädagogische Institut in Südtirol – seit 2012 den Bereich Innovation und Beratung im Deutschen Bildungsressort. Vorher war er Lehrer für Deutsch, Geschichte und Erdkunde an der Mittelschule, Mitarbeiter des Pädagogischen Instituts und Mittelschuldirektor. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen Innovation in Bildungssystemen, Wirksamkeit von Lehrerfortbildung, Unterrichtsentwicklung sowie Didaktische und pädagogische Forschung. Kontakt: Rudolf.Meraner@provinz.bz.it

Literatur

hattie-studie-visible-learning-for-teachers-lernen-sichtbar-machen-fuer-lehrpersonen-deutsche-ausgabeJohn Hattie (2014): Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen. Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe von „Visible Learning for Teachers“ besorgt von Wolfgang Beywl und Klaus Zierer. Hohengehren: Schneider.

Dieser Gastbeitrag von Rudolf Meraner erschien zuerst in der Zeitschrift INFO. Informationsschrift für Kindergarten und Schule in Südtirol.

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